Festvortrag zum Jakobustag

beim „Abend der Begegnung” im Cursillo-Haus

Der diesjährige Jakobustag am 25. Juli 2005 erhielt durch die gemeinsame Pilgerwanderung von Erbach nach Oberdischingen, an der auch Weihbischof Dr. Johannes Kreidler teilnahm, seinen besonderen Akzent. Nach dem Festgottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche auf dem Kapellenberg hielt der Vorsitzende der Schwäbischen Jakobusgesellschaft und Leiter des Cursillo-Hauses St. Jakobus in Oberdischingen, Wolfgang Schneller das folgende Referat.

„Der Jakobsweg als Symbol der Eintracht und des Friedens in Europa”

Die Pilgerschaft auf dem Jakobsweg gehört zu den wichtigsten Lebensadern Europas. Die „christliche Seele Europas” kann man sich nicht denken ohne ihn. Europa ist gewachsen aus der Santiago-Pilgerschaft. Dieses Phänomen trägt bis heute wesentlich zur Verständigung und zum Zusammenwachsen der Völker Europas bei. Die Jakobusgesellschaften sind Garanten und Motoren für diese Bewegung, die vom Jakobsweg ausgeht. Sie achten darauf, dass die Charakteristik des Weges in ihrem tieferen Sinne erhalten bleibt. Denn die Jakobusgesellschaften orientieren sich am Ziel des Weges, und dieses Ziel ist das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela.

Die Spiritualität des Weges ist vom Geist →

dieses Jüngers Jesu — vom Geist des Evangeliums — bestimmt. Diese Spiritualität darf nicht von anderen Einflüssen kultureller oder weltanschaulicher Art gemindert oder verdunkelt werden. Eine gute Zusammenarbeit mit anderen Kräften, die an der Entwicklung des Jakobsweges interessiert sind, kann nur dann sinnvoll sein und zum Ziel führen, wenn die Authentizität der Pilgerschaft gewahrt wird.

Die Identität und Echtheit des Jakobsweges ist darin begründet, den ganzen Menschen im Blick zu haben. Alles Menschliche, seine Schwächen und seine Größe, seine Würde und seine Ohnmacht, seine Suche und seine Orientierung an der Transzendenz — alles ist in der Pilgerschaft auf dem Jakobsweg enthalten.

Der Weg muss für den Menschen — für den Pilger — da sein, nicht umgekehrt. Der Weg öffnet den Pilger für den Blick auf das Wesentliche, und er führt ihn zu den elementaren Grundformen menschlicher Begegnung. Dies sind Solidarität, Toleranz, Eintracht und Gastfreundschaft. Die Frucht all dieser Haltungen ist der Friede. Viele Pilger geben Zeugnis davon, dass die Erfahrung eines tiefen Friedens ihr kostbarstes Geschenk war, das sie vom Jakobsweg mit nach Hause nehmen durften.

Eintracht und Frieden sind die Angelpunkte der Gastfreundschaft. Der Pilger auf dem Jakobsweg ist darauf angewiesen, dass er von Menschen aufgenommen wird, dass er Gastfreundschaft erfährt. Es ist die Grundhaltung des „acoger y compartir” — einander aufnehmen und miteinander teilen. Das gilt für jede Stadt, für jedes Dorf, das ihn empfängt. Es gilt besonders in jeder Herberge und in jedem Haus, das ihn aufnimmt. Der Pilger bringt nicht nur das Bedürfnis mit, ein Quartier zu bekommen, sondern auch seine Bereitschaft, mit anderen zu teilen. Der Pilger beschenkt damit auch die Menschen, die ihn aufnehmen.

So begegnen sich verschiedene Kräfte, und damit auch verschiedene kreative Möglichkeiten, welche die Begegnung erlebnisreich und hoffnungsvoll für beide Seiten gestalten. Die Bereitschaft zu Eintracht und gegenseitigem Beschenken formt Beziehungen →

und lässt Gemeinschaft entstehen, oft so sehr, dass der Aufbruch und Abschied am nächsten Tag wie ein Schmerz empfunden wird.

Es ist die Erfahrung, dass der Same des Friedens und der Eintracht, der sich im menschlichen Herzen tief verankert, sich inkarnieren und zugleich ins Weiterschenken „hineinsterben” muss, um Frucht zu bringen. So wird der Pilger wie auch der Gastgeber jeden Tag von Neuem zu einem Botschafter der höchsten Tugend, zu dem Menschen fähig sind: zur Liebe. Liebe, Eintracht, Frieden — verschenkt in selbstloser Gastfreundschaft — dies alles dient letztlich dem Heil des Menschen, und damit auch dem Lob seines Schöpfers.

Der Jakobsweg kann auf diese Weise Menschen verhelfen, zum „Person-Kern” ihrer wesensmäßigen Einmaligkeit durchzustoßen, der in einem einmaligen Sinn „göttlich” ist. Die Pilgerschaft auf dem Jakobsweg öffnet die Sinne vieler Menschen für die Nähe Gottes und für die Tatsache, dass Gott unterwegs ist, um den Menschen zu suchen. Wer sich auf den Jakobsweg begibt, begibt sich auf den „Sternenweg”. Das kann auch ein Synonym dafür sein, dass er — ob er es weiß oder nicht — auf dem Weg zu Gott ist. Der Jakobsweg ist dafür prädestiniert, unter den Menschen Frieden und Eintracht zu stiften. Deshalb ist er ein universales Werkzeug, den Frieden unter den Menschen guten Willens zu verkünden und zu leben.

Wolfgang Schneller

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