Herbergen am Weg

Wir kennen alle die Szene der Geste, am Stadttor von Amiens, als Martin angesichts des frierenden Bettlers seinen Reitermantel mit dem Schwert in zwei Hälften schnitt und eine Hälfte diesem gab.

Jetzt froren vielleicht beide — und an der gesellschaftlichen Wirklichkeit hatte sich nichts geändert. Martin hat sich mit dem Notleidenden identifiziert und sich mit ihm solidarisiert. Er war dem Frierenden ein Frierender (cf. Paulus). Es war ein Werk der Barmherzigkeit (Nackte bekleiden), das er da vollbrachte.

Im Bistum Erfurt aktualisierte man vor einigen Jahren die in der Tradition bekannten Sieben Werke der Barmherzigkeit. Sie wurden von ihren Ursprüngen her als Hilfe in existentiellen Nöten verstanden. Neu übertragen bzw. aktualisiert lauteten die Werke der Barmherzigkeit dann wie folgt:

  • Du gehörst dazu
  • Ich höre Dir zu
  • Ich rede gut über Dich
  • Ich gehe ein Stück mit Dir
  • Ich teile mit Dir
  • Ich besuche Dich
  • Ich bete für Dich

Aus den eigenen Pilgererfahrungen und den Begegnungen mit Pilgern hier in der Herberge in Oberdischingen, habe ich mir erlaubt sie als Anleitung zum Pilgern zu deuten:

  • Du gehörst dazu:
  • Pilger leben Weggemeinschaft – so sagen sie einander: Du bist kein Außenseiter!
  • Ich höre Dir zu:
  • Pilger hören einander zu, tauschen Wegerfahrungen aus. Pilger haben Zeit.
  • Ich rede gut über Dich:
  • Pilger sprechen auf Augenhöhe miteinander und wohlwollend, gleich welcher Herkunft jemand ist.
  • Ich gehe ein Stück mit Dir:
  • Pilger ermutigen einander beim Aufbruch; sie sind einander oft Wegabschnittsgefährten. Sie gehen gemeinsam ein Stück Weg und trennen sich dann wieder.
  • Ich teile mit Dir:
  • Pilger teilen miteinander, was sie haben, sei es auch noch so wenig. Sie teilen auch des anderen Leid, Freude und Hoffnung.
  • Ich besuche Dich:
  • Pilgerfreundschaften vom Weg können ein Leben lang bleiben — oder zumindest prägend bleiben.
  • Ich bete für Dich:
  • Pilger beten füreinander und nehmen die Gebete mit, wenn jemand ihnen ein Anliegen anvertraut. Wer für jemanden betet schaut mit anderen Augen auf ihn.

Alle diese Haltungen, können Herbergen am Weg sein!

Solche „Herbergen” kann jede/r auch im eigenen Alltag anbieten. Herbergen, die anderen Menschen Orte der Menschwerdung sein können. Jede/r kann sich die Frage stellen: Was bringe ich mit, damit das gelingt? Das ist nicht immer einfach, jeder stößt da auch mal an Grenzen, aber ein gesetztes Ziel weist eine Richtung und gibt Orientierung. Eines ist sicher: Jeden Menschen und seinen Lebensweg, das heißt seinen „Menschwerdungsweg” prägt das Ziel, auf das er schaut.

© Julia Kohler
Kreuz

Die Jakobsmuschel
Nr 34 • Advent 2014

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  18.10.17 04:07:46