Leerstelle

Viele Menschen sind auf der Suche, ohne zu wissen wonach. Etwas treibt sie an. Sie machen sich auf den Weg. Oft auch tatsächlich. Sie sind dann „mal weg” und dies nicht nur oberflächlich. Das Unterwegs—sein spiegelt ihr Suchen. Führt sie in die Tiefe, lässt sie die Qualität ihrer Fragen erfahren. Was, wenn am Ende des Weges keine zufrieden stellenden Antworten stehen?

Der in Rumänien geborene jüdische Schriftsteller Elie Wiesel (*1928) schrieb:

Ich fand meinen eigenen Lehrer — im Küster Mosche. Er hatte mich eines Tages beobachtet, als ich in der Abenddämmerung betete.
„Warum weinst du beim Beten?” fragte er, als kenne er mich seit langem. „Ich weiß es nicht”, erwiderte ich verstört. Die Frage war mir nie gekommen. Ich weinte, weil… weil etwas in mir weinen wollte. Ich konnte nichts dazu sagen. „Warum betest du?” fragte er mich eine Weile später. „Ich weiß es nicht”, antwortete ich noch verwirrter und befangener. „Ich weiß es wirklich nicht.” Von diesem Tag an sah ich ihn häufig. Er versuchte mir eindringlich zu erklären, dass jede Frage eine Kraft besitzt, welche die Antwort nicht mehr enthält. „Der Mensch erhebt sich zu Gott durch die Fragen, die er an ihn stellt”, pflegte er immer wieder zu sagen. „Das ist die wahre Zwiesprache. Der Mensch fragt und Gott antwortet. Aber man versteht seine Antworten nicht. Man kann sie nicht verstehen, denn sie kommen aus dem Grunde der Seele und bleiben dort bis zum Tode. Die wahren Antworten, Elieser, findest du nur in dir.” „Und warum betest du, Mosche?” fragte ich ihn. „Ich bete zu Gott, der in mir ist, dass er mir die Kraft gebe ihm wahre Fragen zu stellen.”
(In: Die Nacht zu begraben Elischa. Ullstein, 5. Auflage 1994 S.18/19)

Gott wird Mensch, denn er kann nur lieben. In der Menschwerdung Gottes, dürfen wir seinen Liebeswillen erkennen. Das wirft Fragen auf. Halten wir uns offen fürs Staunen und Wundern und lassen wir die Kraft der Fragen wirken, ohne sie mit vorschnellen Scheinantworten „vom Tisch” zu fegen. In der Leere entdecken wir möglicherweise Fülle, im Dunkel das Licht. Im Menschen die Ortschaft der Begegnung mit Gott, der Mensch wurde. Also, „Ultreya!”, wie Pilger sich zurufen, will heißen: Nur Mut, immer weiter!

© Julia Kohler
Kreuz

Die Jakobsmuschel
Nr 32 • Advent 2013

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