Achtsam in der Welt sein

„Ich will nur sitzen!”, antwortet in einer bekannten „Loriot-Szene” der Ehemann der genervten Ehefrau, die ihn am Feierabend ständig fragt, was machst Du?, was möchtest Du? Lies doch die Zeitung! Lesen? Fernsehen? Nein, er bleibt dabei, er will nur sitzen. Wann sind Sie das letzte Mal einfach nur gesessen?

Still sitzen kann uns helfen zur inneren Ruhe zu kommen. Heraustreten aus dem Alltag, zurücktreten und Abstand nehmen. Das ist nicht so einfach in einer Gesellschaft, in der wir uns meist über unsere Arbeit und unser Tun definieren. Achtsam sein — mal aussteigen aus den Mühlen des Alltags, raus aus der Fremdbestimmung und hinein in die bewusste Gestaltung des Alltags im Modus des Seins. Wir können Achtsamkeit im Alltag Raum geben, indem wir beginnen zu gestalten und alles, was wir tun, jetzt bewusst tun, und alles, was wir lassen, jetzt bewusst lassen: Wir können uns darin einüben, alle Handlungen im Seins — Modus zu verrichten.

Das Wort „Achtsamkeit” hat seine Wurzel zum einen im mittelhochdeutschen Wort ähte, was öffentliche Verfolgung bedeutet bzw. Ausschluss aus der Gemeinschaft. Diese Bedeutung finden wir im Wort ächten wieder. Die andere Wurzel ist das althochdeutsche Wort ahta, für Fürsorge, Beachtung, Aufmerksamkeit. Auch unser heutiges Wort aha — findet sich hier! Denn das gotische Wort aha steht für Sinn, Verstand. Wir gebrauchen es heute, wenn uns „ein Licht aufgeht”, das heißt, wenn uns der Sinn von etwas deutlich wird und wir ein „Aha-Erlebnis” haben.

Achtsamkeit ist nicht nur ein Modetrend, der uns in den letzten Jahrzehnten aus der buddhistischen oder aus anderen spirituellen Lehren erreichte, sondern vielmehr eine mehrdimensionale Ressource für ein gelingendes Leben. Sie hat Auswirkungen auf unsere Beziehungen, sie hält uns gesund und hilft bei der Stressbewältigung. Alles in allem macht die Praxis der Achtsamkeit eine neue Qualität erfüllten Lebens möglich, denn durch das Instrument Achtsamkeit können wir unser Leben bewusster gestalten.

Achtsamkeit ist die Grundhaltung, in der wir den Mitmenschen und der gesamten Schöpfung begegnen können. Aber auch uns selbst gegenüber können wir diese Haltung einnehmen. Achtsamkeit gegenüber unserem Körper, unseren Gefühlen, unseren Gedanken und unseren Wahrnehmungen. Dies bedeutet: Ohne zu urteilen und zu bewerten: gegenwärtig sein. Achtsamsein ist ein Modus des In — der — Welt — Seins.

Alltagsgestaltung im Seins-Modus

Wir können achtsam gehen, achtsam stehen, uns achtsam die Zähne putzen, achtsam frühstücken und achtsam aufs Fahrrad steigen. Wir können alles, was wir ganz automatisch tun, versuchen achtsam zu tun. So können wir aussteigen aus dem Funktionieren im Alltag und einsteigen ins bewusste Gestalten des Alltags. Jede Tätigkeit kann zu einer persönlichen Achtsamkeitsübung werden, die uns hilft, in der Gegenwart zu bleiben. So können alle Bewegungen und Handlungen, alle Tätigkeiten, im Seins — Modus gestaltet und durchgeführt werden. Das Verweilen im Augenblick durch die Praxis der Achtsamkeit erlaubt uns, als Christen wach und im Horizont der Ewigkeit zu leben.

Achtsames gehen

Wer immer wieder aufbricht und sich als Pilger vom Weg tragen lässt, wer sich immer wieder auf Begegnungen am Weg einlässt, wer immer mal wieder anhält und innehält um zu hören, zu schauen, zu riechen, « : Der ahnt, was es bedeuten kann, auch im Alltag zuhause die Haltung der Achtsamkeit zu wahren und immer wieder einzuüben. Sicher ist Achtsamkeit eine Haltung, die es ermöglicht, im Alltag Pilger zu sein und zu bleiben.

© Julia Kohler
Kreuz

Die Jakobsmuschel
Nr 31 • Mai/Juni 2013

 © 2004 - 2017 :: Haus St. Jakobus, Oberdischingen
  23.08.17 09:57:06