Mit anderen Augen sehen

Nach Ostern beginnt in der Regel verstärkt die Pilgersaison. Menschen brechen auf, lassen los, was sie zu Hause bindet und in Beschlag nimmt. Meist kommen sie verändert vom Weg zurück, denn sie haben auch einen inneren Weg gemacht. Pilgern ist ein Erfahrungsweg wie Glaube und Gebet. Pilger machen Erfahrungen: Sie sind unterwegs, begegnen Menschen, der Natur — und in allem Gott.

Pilger haben etwas zu erzählen: Von ihren Erfahrungen auf dem Weg, mit Menschen, mit der Natur — und mit Gott.

Pilger entdecken unterwegs auch Landschaften ihrer Seele: Abgründe und Berge, Wüsten und Quellen, Landschaften der Sehnsucht und des Glaubens. Sie öffnen ihr Herz und vertrauen auf Gottes Liebe zu allem Lebendigen: Zur Natur, den Geschöpfen, den Menschen, zu ihnen selbst. Pilger betrachten ihr Leben aus einer neuen Perspektive: „Die echte Entdeckungsreise ist keine Suche nach neuen Landschaften, sondern das Sehen mit neuen Augen.” (Marcel Proust, 1871 -1922)

„Christus ist auferstanden!” So haben wir es uns als Christen am Ostersonntag zugerufen und so bekennen wir es immer wieder. Das heißt, es kann einen Neubeginn geben — mitten im Leben. Es kann einen Neubeginn geben, dort, wo jemand gelernt hat, das Leben mit anderen Augen zu sehen. Gott ist in allem und alles in Gott. „Gott ist der Eine, dessen Mittelpunkt überall und dessen Peripherie nirgendwo ist.” (Bonaventura, Franziskaner, 1221 - 1274)

Dies ist eine Erfahrung, die Suchende finden können. Manche Pilger finden sie auf dem Weg — und sie werden so zu Zeugen der Auferstehung und zu Mystikern, das heißt zu Menschen die etwas erfahren haben von der Gegenwart Gottes.

Erfahrungen erzählen, Erfahrungen miteinander teilen, sich im Suchen und Fragen bestärken. Im Erfahrungsaustausch kann Glaube „hinabtönen” und „hinauftönen”, „hintönen”. Dies sind die Bedeutungen des neutestamentlichen, griechischen Wortes „katéchein”, zusätzlich zu „ermahnen”, „unterweisen”, das bis heute als Katechese, „Glaubensunterweisung” im Gebrauch ist. Im Wortursprung meint das Wort „Katechismus” die mündliche Unterweisung.

Menschen sind miteinander im Gespräch über ihre Wegerfahrungen. Sie hören einander zu, laden einander ein, kommunizieren auf Augenhöhe im Respekt vor den Erfahrungen der anderen. Sie werden einander Zeugen von Erfahrungen des Neubeginns, die aus dem Glauben gedeutet werden können. Sie werden wie „lebendige Buchstaben”, die „hintönen”, „hinauf”- und „hinabtönen” von ihren inneren Erfahrungen und Überraschungen des Unterwegsseins.

Christus ist auferstanden!

Eine neue Perspektive auf das Leben hat manches aufgebrochen und vieles verändert.

Bleiben wir miteinander auf dem Weg, in kleinen Gemeinschaften, wie die ersten Christen die sich als Anhänger des „Neuen Weges” bezeichneten.

Christus ist auferstanden!

© Julia Kohler
Kreuz

Die Jakobsmuschel
Nr 29 • April 2012

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