Aufbruch

„ER sprach zu Abram: Geh vor dich hin aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft, aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dich sehen lassen werde.” Genesis 12,1 (Übersetzung von M. Buber)

Gott ruft Abram nicht heraus, nicht weg von der Erde, nicht ins „Abgehobene”, sondern hinein in ein Land, das er dann sehen wird. Er soll vertrauensvoll aufbrechen. „Geh vor dich hin”, mache dich auf, so, wie du bist, nimm dich ganz mit, dein Wesentliches, deine Identität und Prägung, aber sei offen, denn du wirst gerade dort, wo du nicht gesucht hast den Weg finden, den du selbst gehen musst! Schritt für Schritt. Dort, wo du für Drehungen und Wendungen und für Unwägbarkeiten offen bist, erfährst du Wandlung und Erneuerung. Wenn du alles loslässt, wird dein Blick geschärft zur Unterscheidung des „Landes”, in dem du selbst Geborgenheit in der Weite finden und anderen vermitteln kannst, in dem dir Gastfreundschaft geboten wird und du sie anderen anbieten kannst.

Später ruft Gott Abraham nochmals (Genesis 15), und zwar heraus aus seinem Nomadenzelt! Abraham wird herausgeführt — dort draußen soll er stehen und zum Himmel blicken. Aus dem Dunkel wird er ins Licht des sternenklaren Himmels geführt. Er soll hören und das Versprechen Gottes an ihn annehmen.

Gott führt Abraham hinaus ins Freie. Dort hat er die innere Weite und „Weitherzigkeit” (Ignatius v. Loyola, „Geistl. Übungen”, Anmerkung Nr. 5), die nötige Offenheit und Verfügbarkeit. Wer nicht sicher steht, kann nicht nach oben schauen. Wer ein Problem mit dem Gehör hat, hat meist ein Problem mit der Balance, denn das Gehör ist auch das Gleichgewichtsorgan des Menschen.

Abraham vertraut in das Gehörte, er ist offen für das Unbekannte. Die inneren Haltungen des Vertrauens und des Willkommenheißens sind es, die wichtig sind.

Abraham in der Wüste, tritt heraus, tritt vor das Zelt und verlässt dessen Schutz. Nicht unter dem Dach seines Zeltes, sondern im Freien, direkt unter dem „Himmelszelt” erfährt Abraham das Versprechen Gottes an ihn!

© Julia Kohler
Kreuz

Die Jakobsmuschel
Nr 28 • Dezember 2011

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