Gott ist da.

Beim Pilgern erfahren viele Menschen Raum in seiner Vielfalt: Zeitraum, Lebensraum, Naturraum, Klangraum, Farbenraum, Stilleraum und deuten ihn als Gottes Raum. Die Erfahrung der Natur wird zur Erfahrung der Schöpfung, die Begegnungen mit Menschen werden zu Begegnungen mit Geschöpfen. Pilger erfahren sich als Teil der Schöpfung Gottes. Sie erfahren Endlichkeit, und Ohnmacht: Die Grenze wird zum gestaltbaren Weg, der Schritt für Schritt begangen wird und zum Grenzraum wird. Pilger erfahren Weite und Gemeinschaft, aufbrechen und ankommen prägen den Alltag unterwegs.

Wer zurück kommt vom Weg möchte die Pilgererfahrungen auch zu Hause lebendig halten. Erzählen, sich mit anderen Pilgern treffen, Photos anschauen. Die Erinnerung hilft anzuknüpfen an Erfahrungen durch Situationen unterwegs, in denen sich Grenzen zu Lösungen öffneten, die überraschend waren und die so zu wesentlichen Wendepunkten wurden.

„Vielleicht sind wir nichts als Schalen, womit der Augenblick geschöpft wird”,

so lautet der Anfang eines Gedichtes von Hilde Domin. Für Pilger heißt das: Im Augenblick sein. Wahrnehmen, was ist. Sich einlassen, den Weg nehmen wie er kommt, sich führen - und überraschen lassen. Die Grenzen annehmen und so im Sinne eines Wortes des Theologen und Philosophen Paul Tillich (1868 -1965) erfahren: „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis.” Gott ist da.

© Julia Kohler
Kreuz

Die Jakobsmuschel
Nr 27 • Juni/Juli 2011

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