Kirchen unterwegs

Wenn Menschen auf den Jakobusweg gehen, öffnen sich Sackgassen zu neuen Wegen. Aber nicht mehr jeder Weg ist der Richtige. Wenn Menschen auf „den Weg” gehen, kann aus den Lebenswirren, ein Leben mit Orientierung, Sinn und Ziel werden. So, wie im Labyrinth der eine Weg zur Mitte führt.

Unterwegs wird bilanziert und Résumée gezogen. Leben kommt möglicherweise wieder ins Gleichgewicht. Ein längerer Prozess! Oft ist dies auch ein schmerzliches Geschehen. Erst neue Wege zeigen, welche Möglichkeiten im Menschen stecken und machen damit deutlich, was alles brach liegt. Es sind jahrhundertealte, traditionsreiche Wege, die Vielen den Weg in einen neuen Lebensabschnitt weisen. Auch persönliche Lebenswege werden überraschend neu, denn die Orientierung vom Ziel her kann öffnen, was festgefahren ist.

Könnte/n nicht die Kirche/n, gerade heute, dieses „Unterwegssein” für sich neu aufnehmen, als Sinnbild für anstehende Aufbrüche, für Umkehr und Neubeginn auf allen Ebenen? Sie könnte/n so wirkliche Erneuerung zulassen, als Etappe zum Ziel hin, das Orientierung gibt für den Weg: Die Verkündigung einer frei und lebendig machenden Frohbotschaft!

Krisen und unterwegs sein stehen ja schon am Beginn des Christentums. Nur zwei Beispiele seien hier erwähnt: Schon nach der Geburt Jesu, müssen Maria und Josef, Ägypten zu Fuß und mit Esel durchqueren. Eine lange und fordernde Wegstrecke. Keine Annehmlichkeiten und auch keine Infrastruktur, wie wir sie heute auf dem Jakobusweg finden. Dann das „leere Grab”, in das zuerst die Frauen und anschließend die Jünger blicken: Eine Krise! Der Leichnam Jesu …- weg! Nichts ist mehr wie es war.

Wer heute pilgert erlebt, dass Suchen und Fragen, Offenheit und Gemeinschaft zum Pilgern gehören. Er trifft auf Menschen, die wie Herbergen sind, die einladen zu bleiben - um dann wieder aufzubrechen.

Menschen, wie Herbergen: Suchen mit Suchenden, Hören mit Fragenden. Sie laden ein zu Vertrauen und Gemeinschaft. Manchmal zur Stille oder zum Gebet. Menschen, die wie Herbergen sind, haben Respekt vor den unterschiedlichen Weg Erfahrungen und vor den verschiedensten Motiven, die jemanden zum Aufbruch führen und damit in die Gemeinschaft der Pilgernden.

So wünsche ich den Kirchen in der aktuellen Krise, dass sie sich neu auf den Weg machen können. Neue Wege beschreitend, suchend und fragend wie Pilger. Ehrlichkeit und Offenheit sollten den Umgang mit Fehlverhalten prägen. Kirchen unterwegs.

Ich wünsche ihr, damit uns, dass sie diese Suche und das Fragen auch öffentlich machen kann und so Zeugnis gibt, von Umkehr und Neubeginn.

Zu den ersten Konzilien der frühen Kirche waren die Bischöfe oft wochenlang unterwegs. Eine gute Vorbereitungszeit und -art. Und eine Einübung ins Vertrauen: Einer geht mit! Und: Störungen haben Vorrang — sie könnten vom Heiligen Geist sein! Es geht weiter mit der Kirche, ohne Zweifel. Nur vielleicht ganz anders, als wir denken. Ganz anders, als wir es uns vorstellen können. Kirche unterwegs in der Kraft des Heiligen Geistes. Wir sind mitten drin! Einer geht mit.

© Julia Kohler
Kreuz

Die Jakobsmuschel
Nr 25 • Juni 2010

 © 2004 - 2017 :: Haus St. Jakobus, Oberdischingen
  17.12.17 11:05:43