Weisheit — das, was uns fehlt?

Weisheit ist praktisch — nicht abgehoben. Sie kann uns helfen unseren Alltag zu bewältigen. Weisheit ist menschlich. Sie nimmt den Menschen in den Blick. Texte der Weisheit vergangener Jahrhunderte, helfen uns noch heute unser Leben zu bewältigen. Sie helfen uns Abstand zu nehmen und einen distanzierten Blick auf unseren Alltag zu werfen.

Die neutestamentlichen Texte, die von der Geburt Christi erzählen, sind Texte für mein Leben — sie sind noch mehr als ein Weisheitstext! Gott wird Mensch, ein Kind. Eine Geschichte, die in mein Leben eingreift, wenn ich innehalte und mich berühren lasse.

Wenn ich stoppe, langsam werde, ausbreche aus dem Teufelskreis des „Immer-mehr-in-weniger-Zeit”, mit weniger Aufwand, möglichst noch in Gleichzeitigkeit mit Anderem zu erledigen. Wer zu vieles gleichzeitig erledigt, läuft Gefahr das Wesentliche dieses einen Augenblicks zu übersehen.

Wenn ich aber innehalte und mich berühren lasse von diesem Kind, kann ich der Weisheit Gottes in der Menschwerdung auf die Spur kommen. Bedürftigkeit, Einfachheit, Gegenwärtigkeit, Zartheit, Zerbrechlichkeit, Verletzlichkeit. Attribute, die im Berufsleben, im wirtschaftlichen Sinne, meist nicht Gewinn versprechend sind! Wenn ich mich aber im Innehalten dieser Berührung aussetze, komme ich im Innern in heilsame Bewegung.

Dieses weihnachtliche Innehalten kann uns in Bewegung setzen und uns auf-brechen, zu einem Leben, in dem andere Maßstäbe zählen, hin zu einem Leben, das in der globalen Krise auch die Chance der Menschwerdung birgt. Vielleicht bietet gerade die Wirtschaftskrise, unserer eigenen Menschwerdung einen Ort im Jetzt und führt uns hin, zu einem Leben in Fülle.

Ist das die Weisheit, die wir aus der glaubenden Betrachtung der Menschwerdung Gottes ziehen können: Erkennen, was das Menschsein ausmacht, jenseits von Leistung, Effektivität, Wachstum? Jenseits von Karriere, Kontoauszügen und materiellem Reichtum?

Was „zählt” wirklich in meinem Leben und was sagt mir das biblische Weihnachtsgeschehen dazu? Nicht „Zensus”: Zahlen, Dokumentation alleine, sondern Begegnungen und Beziehungen, die tragen, weil ich mich (andere sich mir) schwach zeigen kann (können) ohne Stärke hervor zu rufen.

Nicht „Zensus”, sondern Solidarität im Alltag der Geschäftigkeit, durch Innehalten, durch Zuwendung, durch Zuhören, durch Achtsamkeit und durch Respekt. Einander als Mensch begegnen und einander im Menschsein wachsen lassen. So lässt sich Lebensqualität neu buchstabieren — nicht kalkulieren und berechnen. Sie brächte einen Zugewinn an sozialen Normen und sozialem Frieden.

Die Menschwerdung Gottes lädt uns ein, einander zum Mitmenschen zu werden. Setzen wir also diese weise Erkenntnis in die Praxis um und prüfen wir sie immer wieder im Licht der Menschwerdung Gottes, im Licht der Geburt Christi im Stall!

© Julia Kohler
Kreuz

Die Jakobsmuschel
Nr 24 • Dezember 2009

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