Lebensweg - Jakobsweg

Der Lebensweg will gegangen werden wie auch der Jakobsweg. Sich aufmachen und losgehen, auf dem Weg ankommen und seinen Rhythmus finden, Krisen bewältigen und verarbeiten, sich auf Begegnungen einlassen, den Weg in Stille genießen, Pausen machen, innehalten und wieder aufbrechen. Unterwegs mit Gott: Sich verwandeln lassen vom Weg. Der Sehnsucht nach Einfachheit und Freiheit nachgehen und erfahren — ich lasse mich selbst immer wieder einengen, weil ich mich auf meine Grenzen fixiere. Unterwegs auf dem Jakobsweg, sich in die Weite führen lassen, eine neue Perspektive auf das Leben gewinnen und darauf vertrauen: Gott geht alle Wege mit.

Immer mehr Menschen möchten auf den Jakobsweg. Gleich welchen Alters oder welcher Herkunft. Etwas lockt sie. Der Weg ruft. Wer einmal geantwortet hat, den wird es immer wieder auf den Weg ziehen. Jahr für Jahr werden diejenigen, die aufgebrochen sind, zu Rückkehrern, die gar nicht daran denken zu Hause zu bleiben. Immer wieder gehen sie los, auf den Jakobsweg. Wer den Weg einmal ganz bis Santiago ging — sucht sich andere Wege und geht noch mal ganz bis Santiago de Compostela oder pilgert einfach auf anderen Wegetappen. Oft verweben sich Jakobswege und Lebenswege. Geschichten dazu gibt es so viele, wie es Pilger gibt. Manche erzählen auch davon, finden Worte, beginnen zu schreiben. Der Jakobsweg macht kreativ. Sie entdecken, dass der Jakobsweg ihnen hilft das eigene Leben zu deuten.

Innehalten und aufbrechen. Für Jakobspilger kein Widerspruch, sondern etwas, das gleichzeitig geschieht. Wenn ich gehe — gehe ich in mich hinein. Komme zu mir. Tauche auch gleichzeitig auf aus einem Leben, in dem bis zur Besinnungslosigkeit gehetzt wird, alles in einem hohen Tempo erledigt werden soll, am Besten alles sofort und gleichzeitig. Durch den Aufbruch kommt etwas zum wachsen und erblühen, was verschüttet war. Leben kann eine neue Lebensqualität erhalten.

Der Jakobsweg hilft das Leben zu deuten. Der Jakobsweg lässt Menschen zueinander finden, weil sie etwas verbindet. Auch jenseits aller Konfessionen werden sie doch in etwas eingebunden und hinein genommen: Gemeinschaft und Pilgersolidarität.

© Julia Kohler
Kreuz

Die Jakobsmuschel
Nr 18 • November 2006

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