In Erwartung

Der Schriftsteller Samuel Beckett hat in seinem Drama Warten auf Godot das ausdauernde, vergebliche Warten der beiden Wohnsitzlosen, Wladimir und Estragon, auf einen Herrn namens Godot, beschrieben. Sie warten und warten, wollen sich schon aufhängen. Sie scheitern aber damit. Estragon fragt in dieser Situation: „Und wenn er kommt?” Wladimir antwortet ihm: „Sind wir gerettet.”

Worauf wir in diesen Tagen warten: Auf eine Regierung, die ihre Versprechen erfüllen möge, darauf, dass nicht immer die Steuerzahler für alles bezahlen müssen, darauf dass die Sozialpolitik auch denjenigen dient, die es nötig haben und nicht denen, die sie machen. Warten reicht da nicht. Wer nimmt die Sache in die Hand, wer von uns steht auf? Oder warten wir auf einen „Retter”? Wer ist Godot heute für uns?

Das deutsche Wort „Abenteuer” kommt von „advenire” Advent, Ankunft.

Advent, Ankunft hat mit unserer Gegenwart zu tun, mit jedem Augenblick. Auch damit, ob wir es wagen vertrauensvoll „die Gelegenheit beim Schopfe” (ursprünglich ist der Schopf am Kopf des Janus gemeint) zu packen und nicht nur darauf warten, dass sich zukünftig etwas ändert!

Christen haben einen Grund zu hoffen. Dieser Grund ihrer Hoffnung bezieht sich immer auf die Gegenwart, auf das Kommen Gottes - und - er kommt jeden Augenblick, jetzt! Allerdings müssen wir bei uns daheim sein, Hörende sein, achtsam sein. Das Abenteuer kann beginnen: Dieser Augenblick jetzt, ist der Grund unserer Hoffnung! Dieser Augenblick jetzt, ist der Grund unseres Engagements. Dieser Augenblick jetzt, ist gleichzeitig der Grund unserer Sehnsucht in der die treibende Kraft liegt, die uns befähigt auch Utopien konkret an zu gehen und für eine gerechtere Politik und mehr Achtsamkeit auf die Schwächeren in unserer Gesellschaft ein zu stehen.

Utopien konkret angehen, bedeutet dem, was (noch) keinen Ort hat einen Ort zu geben, zum Beispiel der sozialen Gerechtigkeit. Nicht auf die Zukunft (von lat. Futurum) warten, sondern mit an ihr arbeiten und solidarisch sein. Sichtbar machen, dass der „Advent” nicht vertagt werden kann. Das Kommende beginnt schon jetzt in der Gegenwart.

Hier und heute ist der Beginn jeder Veränderung und jeden Fortschrittes Grund gelegt. Ist das nicht Anlass genug einmal inne zu halten, vielleicht eine Kerze anzuzünden, einfach mal in der Hektik des Alltags einen Haltepunkt zu setzen, zumal in derjenigen des vorweihnachtlichen Alltags? Vielleicht werden wir so zu menschlicheren Menschen, die achtsam sind, soziale Ungerechtigkeiten wahrnehmen und die aufrechter und selbstbewusster an einer gerechteren Welt mitbauen.

© Julia Kohler
Kreuz

Die Jakobsmuschel
Nr 18 • November 2006

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